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Stellungnahme

Liebe Zuschauer des Musicals „Hinter dem Spiegel“,

Nachdem die emotionsgeladenen Äußerungen seitens der Autoren, von Mitgliedern des Theater Heilbronns und der Zuschauer bezüglich der Uraufführung unseres Musicals „Hinter dem Spiegel“ nun einer hoffentlich eher sachlichen Sichtweise gewichen ist, möchte ich meine zuvor abgegebene Stellungnahme nun auch in sachlichere Bahnen bringen.

Die in Heilbronn gezeigte Version des Musicals „Hinter dem Spiegel“ ist nicht mehr mit der dramaturgischen und musikalischen Intention der Autoren zu vereinbaren. Ganz egal, wer die zahlreichen Änderungen in unserem Stück betrieben hat, es liegt in der Verantwortung des Regisseurs Georg Staudacher, dass das von uns Autoren entwickelte, hinter dem Stück stehende musikalische und dramaturgische Gedankenkonstrukt in der Heilbronner Fassung nicht mehr vorhanden ist. Über diese Eingriffe wurden wir Autoren erst informiert, als es zu spät war, in den Inszenierungsprozess einzugreifen, und selbst dann auch nur tröpfchenweise.

„Hinter dem Spiegel“ wurde bereits 2001 erfolgreich und von der Presse gelobt auf die Bühne gebracht (siehe auch http://www.hinter-dem-spiegel.de/presse.htm).

Für das Theater Heilbronn wurde von uns Autoren speziell eine erweiterte Fassung erstellt. Was die Zuschauer jedoch tatsächlich auf der Bühne gesehen haben, hatte mit unserer Version nur sehr vage zu tun.

Aus einem von uns Autoren geschriebenen und von der Intendanz des Theaters Heilbronn abgesegneten Musical über das Doppelleben eines Künstlers, der unter der Last seines Werks zugrunde zu gehen droht, ist in der Heilbronner Inszenierung ein plumpes Theaterstück mit Musik über einen Kindesmissbrauch geworden.

Dieser Kindesmissbrauch kann nicht durch Dokumente belegt werden. Deswegen wurde in unserem Skript, das den Anspruch hegt, sich sehr eng an die über Lewis Carroll bekannten Fakten zu halten, lediglich auf einer metaphorischen Ebene Hinter dem Spiegel angedeutet, dass „etwas passiert sein muss“.

In der Heilbronner Inszenierung jedoch serviert Staudacher den Missbrauch plakativ und mit dem Holzhammer, ja, er fokussiert die gesamte Inszenierung auf diesen Missbrauch. Die vorgeschriebene konsequente Entwicklung der Szenen Hinter dem Spiegel von der Kindheit Carrolls bis zu seinem Tod beachtet der Regisseur kaum, nur gelegentlich werden diese Szenen eingestreut, jedoch ohne ein Bewusstsein für die dringend nötige Entwicklung dieser Szenen und zuweilen auch mit neu entwickeltem Inhalt. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie unvorbereitet und mit welchem Unverständnis, oder mit welcher Ignoranz, die Regie an unser Musical herangegangen ist.

Die Fokussierung auf den Missbrauch an sich führt unweigerlich dazu, dass der gesamte erste Akt langweilig und als Introduktion erscheinen muss, wohingegen der zweite Akt stark verändert werden musste, um in das Regiekonzept zu passen.  Sogar eine gar nicht von den Autoren beabsichtigte Theaterprobe ohne Musik musste bemüht werden, um nach dem Missbrauch einen Bruch zum Ende hin zu schaffen.

Es wäre müßig, alle unautorisierten Änderungen im Detail zu besprechen. Auch über die Musik kann man eigentlich gar nicht mehr urteilen, da im ersten Akt ca. 20 Prozent der Musik weggekürzt worden sind (und deshalb fehlen hier der dringend nötige musikalische Fluss und Schwung und der innere musikalische Zusammenhalt vollkommen); im zweiten Akt wurde ungefähr die Hälfte der Musik gestrichen, so dass das Werk nun eher als verstümmeltes Fragment denn als Musical daher kommt.

Wir Autoren müssen uns vorwerfen, dass wir, dem Theater Heilbronn vertrauend, nicht vehementer darauf bestanden haben, in den Probenprozess involviert zu sein und über Änderungen zu einem Zeitpunkt informiert zu werden, an dem man diesen noch entgegenwirken konnte.

Nichtsdestotrotz war das Theater Heilbronn vertraglich verpflichtet, etwaige Änderungen im Stück mit uns Autoren rechtzeitig zu besprechen. Dass diese Informationspflicht (eine Bringschuld!) durch das Theater nicht wahrgenommen wurde, ist ein illegitimes und besonders bei einer Uraufführung hochgradig unfaires Vorgehen.

Eine verpasste Gelegenheit also auf beiden Seiten. Wir Autoren können nur hoffen, dass ein anderes Theater unser Musical „richtig“ auf die Bühne bringt, um anhand dessen fair beurteilt zu werden.

 Michael Bellmann

Heidelberg, 20. März 2003

 
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