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(Artikel vom 2. Februar 2001, Seite 32)
Ein Spiegel mit zwei Seiten
Musical: Kulturzentrum Eppelheim zeigt Werk über
Carroll
Von unserer Mitarbeiterin
Susanne Kaulich
Es ist schon ein eigenartiges Leben, das der
Erfinder der verrückten Abenteuer von „Alice im Wunderland"
führte: War er doch als Erzähler von fantastischen Geschichten über
Goggelmoggel, Zwiddeldum und Schnapphase gleichzeitig auch
Mathematikprofessor mit außerordentlichen Hang zur Logik. Dabei
tief religiös und doch ein besessener Fotograf von kleinen nackten
Mädchen. So richtig kommt man nicht dahinter, was da bei den
Fotosessions mit seinen kleinen „Feen" passierte. Doch eines
Tages hatte Charles Lutwidge Dodgson alias Lewis Carroll plötzlich
damit Schluss gemacht und die meisten Aktfotos vernichtet. Sein
Neffe tat nach Carrolls Tod 1898 ein Übriges zier Legendenbildung.
Also: Stoff genug für ein Stück über den geheimnisvollen Mädchenfreund.
Im Kulturzentrum Eppelheim (Rudolf-Wild-Halle
in der Schulstraße) ist es jetzt als neues Musical zu besichtigen.
„Hinter dem Spiegel" lautet der Titel in Anlehnung an den
zweiten „Alice"-Band. Die Heidelberger Autoren Michael
Bellmann, Jürgen Ferber und Joerg Steve Mohr haben mit dem Anspruch
auf informative Unterhaltung auf ästhetisch wie inhaltlich hohem
Niveau einen Blick hinter die Fassade des englischen
Erfolgsschriftstellers gewagt. Herausgekommen ist ein dramaturgisch
geschickt gebautes Musical, das trotz keineswegs unkomplizierter
Melodik in einer fürs Genre recht ungewöhnlichen klassischen
Besetzung (das achtköpfige Orchester spielt mit Streichern,
Percussion, Xylophon und Klavier) auch einige Ohrwürmer zu bieten
hat.
22 Jahre alt ist Komponist Michael Bellmann und
hat schon drei Musicals auf dem Buckel. Dabei erweist er sich mit
„Hinter dem Spiegel" als echtes Talent abseits des gängigen
Mainstream-Weichspülersounds. Beeinflusst von der Minimalmusic mit
eindringlicher Ostinato-Grundlage (Marie Bechtolf an der
abwechslungsreichen Percussion, Albert Vrublevskyy am Klavier) schießt
er zwar zuweilen im Timing noch etwas übers Ziel hinaus, aber die
ausführlichen und ambitionierten Texte der durchkomponierten
Handlung wollen im rezitativischen und ariosen Gesang auch
untergebracht sein. Hierbei beweist Bellmann erstaunliches Gefühl für
Harmonien, breite melodische Entwicklungen sowie für einen mit
motorischem Drive geladenen Sound.
In Bariton Jürgen Ferber (Carrolls Vater und
Carroll selbst) und Mezzosopran Angele Hepp (alle erwachsenen
Frauen) findet der Komponist nicht nur ausgezeichnete Sänger,
sondern auch suggestive Darsteller, die ihre diversen Rollen genauso
wie die sehr professionell auftretenden Kinderdarsteller Jörg
Killius, Florian Riehm, Raffaela Gregor und Elodie Köhler mit
prallem Leben erfüllen.
Joerg Steve Mohr hat Carrolls Leben ideenreich
und aussagekräftig in Szene gesetzt. Geschickt und geschmackvoll
arbeitet der Regisseur und Bühnenbildner mit Vorhängen,
Lichteffekten und schlüssellochförmigen Spiegeln, die immer wieder
neue Perspektiven und Räume eröffnen. Ohne Umstand reihen sich so
die abwechslungsreichen Szenen von der Kindheit bis zum Tod
aneinander und illustrieren ein mit Mutterkomplex beladenes Leben,
das ihm den Umgang mit Frauen fast unmöglich machte. Allein der
Malerin Gertrude Thomson gelingt es, in Carrolls hermetische Welt
einzudringen, nicht zuletzt weil sie ihm kleine Mädchen als
Fotomodelle zuführt.
Es ist schon eine imponierende Leistung, die
die sympathische junge Truppe da auf und hinter der Bühne als erste
Eigenproduktion der Rudolf-Wild-Halle (als deren Geschäftsführer
übrigens der Carroll-Darsteller Jürgen Ferber fungiert) mit großem
Engagement und liebevoller Detailarbeit (Kostüme: Stefano
Terranzino) vollbracht hat. Das Publikum feierte die erfolgreiche
Uraufführung zu Recht.
Weitere Vorstellungen am 3. und 4. Februar,
am 2.,3.,22. und 23 März sowie am 27. und 28. April.
Ticket-Hotline:0180 5000 494.
Zur Produktion ist eine CD erhältlich.
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