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(Artikel von April/Mai 2001)
Hinter dem Spiegel
Rudolf-Wild-Halle Heidelberg-Eppelheim
Dieses ungewöhnliche Musical erzählt die Biografie des
reichlich skurrilen Autors Lewis Carroll, des Autors der
berühmten Kinderbücher "Alice im Wunderland" und "Alice hinter den Spiegeln". Charles Lutwidge
Dodgson, so hieß Carroll in Wirklichkeit, war
Mathematik-Professor und Theologe, menschenscheu und
wunderlich, und er pflegte dabei eine merkwürdige
Vorliebe: er fotografierte kleine Mädchen. Dabei läßt
das Musical sowohl die Interpretation zu, daß er durch
seine Liebe zu Kindern und durch seine fantastischen
Geschichten einfach dem Traum einer ewigen Kindheit
nachhing - oder daß diese Neigung bestimmte Grenzen
überschritt. Jedenfalls hat Dodgson gegen Ende des 19.
Jahrhunderts Fotos gemacht, die man heute als
Kinderpornografie bezeichnen würde. In Anspielung auf
das berühmte 'Alice'-Buch symbolisiert der Spiegel
dabei die durchlässige Grenze zwischen Wahrheit und
Fantasie: er verkehrt die Sicht auf die Welt,
vertauscht schwarz und weiß. Auf dieser Seite des
Spiegels ist Dodgson der gehemmte Erwachsene, der
gezielt Mütter mit kleinen Mädchen auf der Straße
anspricht, jenseits des Spiegels bleibt er stets der
fröhliche kleine Junge mit seiner übersprudelnden
Fabulierkunst.
Es gehört schon einiges dramaturgisches Geschick dazu,
aus einer so kleinen Besetzung (zwei Sänger und zwei
Kinder spielen sämtliche Rollen) und aus dem trockenen
Stoff einer geradlinig nacherzählten
Schriftstellerbiografie ein derart spannendes,
interessantes Musical zu machen. Den drei Autoren
Michael Bellmann (Idee, Musik und Liedtexte), Jürgen
Ferber (Buch und Dialoge) und Joerg Steve Mohr (Buch,
Dialoge, Regie und Bühnenbild) gelingt das Porträt
eines sensiblen, innerlich zerrissenen Menschen, nach
dem man die berühmten Kinderbücher plötzlich mit ganz
anderen Augen liest.
Obwohl Text und Musik manchmal eher im Plauderton
dahinfließen, hört man der Erzählung gerne zu. Mit der
klassischen Instrumentierung (Klavier, vier Streicher,
Percussion und Xylophon) tendiert 'Hinter dem Spiegel'
eigentlich mehr zur Kammeroper - Michael Bellmanns
Songs klingen manchmal in Richtung Minimal Music,
erinnern an Salon-Musik der Jahrhundertwende und wagen
sich trotz ihrer tonalen, eingängigen Melodik auch an
kompliziertere Harmonien. Die kunstvoll arrangierte
Musik mag nicht immer besonders neuartig sein, aber sie
paßt durchweg hervorragend zur Handlung - mit dem Song
"Güte des Herzens" ist Bellmann auch ein
nachdenklich-schönes Liebeslied gelungen.
Das einfache, aber wirkungsvolle Bühnenbild wird vom
zentralen Motiv des Schlüssellochs beherrscht, dazu
weisen Projektionen auf die historischen Fakten hin.
Mit schöner, leicht geführter Stimme und vielen
Facetten spielt Jürgen Ferber den unglücklichen
Dodgson, Angela Hepp liegt als Malerin Gertrude
Thomson, Dodgsons einzige Vertraute, stimmlich leider
nicht immer ganz richtig; die beiden Kinder Raffaela
Gregor und Florian Riehm beeindrucken durch ihr
natürliches, ungezwungenes Spiel. Ein ambitioniertes
Musical, das ganz besonders durch seine Eigenwilligkeit
und Geschlossenheit überzeugt.
Angela Reinhardt
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