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Rhein-Neckar-Zeitung
Artikel vom 03./04. Februar 2001, S. 7
Mit viel Beifall, ohne plakative Vorverurteilung
Gelungene Uraufführung des Musicals "Hinter dem
Spiegel": Das Leben des
"Alice im Wunderland" - Autoren Lewis Carroll
Von Robert Wieser
Eppelheim. Zu einem Ereignis von überregionalem Rang wurde am
Donnerstagabend die Uraufführung des
Musicals "Hinter dem Spiegel" in der vollbesetzten
Rudolf-Wild-Halle. Das Stück nach der Idee, der Musik und den
Liedtexten von Michael Bellmann und dem Libretto und den Dialogen
von Jürgen Ferber und Joerg
Steve Mohr behandelt das Leben von Lewis Carroll.
Lewis Carroll hieß eigentlich Charles Lutwidge Dodgson, wurde am
27.Januar 1832 im englischen Daresbury geboren, starb in Guildford
am 14. Januar 1898 an einer Lungenentzündung. Der weiten
Öffentlichkeit ist er vor allem als Autor der schrulligen, nachdenklichen und
grotesk-phantasiereichen Kinderbücher "Alice im
Wunderland" und "Alice im Spiegelreich" bekannt. Lewis Carroll - seine Lebensdaten
sagen es - war voll und ganz ein Zeitgenosse des "viktorianischen
Zeitalters" mit der Blütezeit des englischen Bürgertums, aber auch einer
Restaurierung puritanischer Denkweisen. Von seinem Vater streng erzogen, wuchs
er zu einer gespaltenen Persönlichkeit heran: Er war nachgerade
unfähig im Umgang mit Erwachsenen, konnte jedoch ausgezeichnet Kinder
unterhalten, war in seinem Beruf als Mathematikprofessor in Oxford auf streng
logisches Denken ausgerichtet und dabei tief religiös - eine mögliche
kirchliche Karriere gab er nach der Weihe zum Diakon auf -, er begeisterte
sich für alles Neue und war leidenschaftlich der Kunst zugetan. Als er
anlässlich der Weltausstellung in London die Fotografie als neue
künstlerische Ausdrucksform kennen lernte, begeisterte er sich für diese und
wurde Fotograf. Er schuf über tausend Aktfotos von kleinen Mädchen,
was immer wieder Anlass zu Spekulationen gab: Beweise für eine pädophile
Neigung wurden jedoch nie erbracht - dem Reinen ist alles rein? Dennoch
wurde er zur Symbolfigur für die Szene. Aus diesem Lebensweg und eifrigem
Quellenstudium den Stoff für ein Musical zu gewinnen, war schon
schwer. Aber es gelang ausgezeichnet. Wobei dies keineswegs zu bloßer
Unterhaltung geriet, sondern zur Auseinandersetzung, zum Nachdenken führt.
Und wodurch dieses Stück auch für alle Jahrgänge einschließlich der
älteren Generation Besuchswert gewinnt - wenngleich die Uraufführung
vorwiegend der
Jugend angehörte. Bestens dem Sujet angemessen war die Musik des
22-jährigen Heidelberger Komponisten Michael Bellmann, der auch "Die
Schwarze Witwe" schrieb. Das Eingangs-Ensemble gab bereits eine ausgezeichnete
Charakterisierung, es gab gültige lyrische Sätze und echte
"Reisser": Die Jugend weiß genau, was ihr mundet, und erkor "Ich bin ein
Star" zum Super-Song. Alle Stücke wurden von der Band mit Albert
Vrublevsky (Klavier), Yvonne Heckmann (Violine), Harald Hufnagel (Viola),
Ulrich Grau (Violoncello), Johanna Eckert (Kontrabass), Marie Bechtolf (Percussion)
und Franz Julius Morche (Xylophon) einwandfrei und gut gekonnt
dargeboten.
Hervorragend die Sänger-Darsteller. Jürgen Ferber,
Geschäftsführer der Rudolf-Wild-Halle und ausgebildeter Opern-Bariton mit sehr schön
timbrierter Stimme, attraktivem Aussehen und bester
Bühnenpräsenz, war als Carrolls Vater und erwachsener Carroll eine Idealverkörperung
dieser vielschichtigen Gestalt vom strammen jungen Mann bis zum
schrulligen Sterbenden. Die 22-jährige Mezzosopranistin Angela Hepp aus
Sandhausen singt seit über zehn Jahren zum Teil als Solistin in
verscheidenen Chören: Hier hat sie jedoch einen ganz großen Karriereschritt getan und
die Tür weit aufgestoßen. Als Carrolls Mutter, Malerin, Frau im Café
und Mutter glänzte sie mit Spannungsbreite und Tragkraft in der Stimme,
bühnenwirksamen Auftreten und bestem spielerischem Talent.
Herrlich die vier Kinder: Der zwölfjährige Jörg Kilius aus
Ludwigshafen, der zehnjährige Eppelheimer Florian Riehm, die zehnjährige
Heidelbergerin Elodie Köhler und die elfjährige Raffaela Gregor aus Heidelberg
sind allesamt echte Bühnentalente. Sie meisterten Ihre Aufgabe in
sängerischer und darstellerischer Art ganz vorzüglich und über jeden Zweifel
erhaben.
Die Reihe beschloss Benjamin Götzmann als Museumsführer. Gelungen die Regie mit stimmiger Personenführung und das
aussagekräftige Bühnenbild von Joerg Steve Mohr: Alles trug bei zu dem ganz
großen Erfolg der Aufführung, der sich in langen Beifallsstürmen austobte.
Und so darf man erwarten, daß dieses Musical seinen Weg machen wird.
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